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 Desinfektion

(Dr. W. Mevius, Hamburg)

Durch Trinkwasser können eine Reihe von Erkrankungen, insbesondere des Magen-Darm-Traktes übertragen werden. Hierbei handelt es sich vor allem um Typhus, Paratyphus, Cholera und Brechdurchfall, um bakterielle Ruhr, Leptospirosen, evtl. Wurmkrankheiten sowie Viruserkrankungen wie z. B. Hepatitis und Poliomyelitis. Typisch für eine Trinkwasserepidemie ist die explosionsartige Ausbreitung der Erkrankungen über das gesamte Versorgungsgebiet im Gegensatz zu chemischen Beeinträchtigungen Wassers, bei denen üblicherweise die toxischen Werte erst langsam erreicht werden. Zur Verhütung von Epidemien durch Trinkwasser sollte möglichst immer ein von Hause aus mikrobiologisch einwandfreies, d.h. nicht verunreinigtes bzw. zu beeinträchtigendes Wasser verwendet werden, also vorzugsweise ein Tiefengrundwasser. Leider ist dies nicht überall möglich, sei es aus hydrogeologischen oder aus quantitativen Gründen. Es muß dann auf Oberflächenwasser zurückgegriffen werden, welches zumeist aufbereitet werden muß. In diesen Fällen gibt es die Möglichkeit, evtl. vorkommende Krankheitserreger aus dem Wasser zu entfernen, oder sie durch Zugabe bestimmter Substanzen zu dem Wasser abzutöten, d. h. das Wasser zu desinfizieren.

Langsamsandflitration

Eine Entfernung von Krankheitserregern aus dem Wasser kann durch Filtration erfolgen. Für kleine Wassermengen können hierfür bakteriendichte Membranen oder Filterkerzen verwendet werden. Der Porendurchmesser ist bei diesen Filterschichten kleiner als die Bakterienzelle, so dass die Bakterien mechanisch auf der Oberfläche zurückgehalten werden. Dieses Verfahren spielt eine Rolle bei Notversorgungen, Einzelversorgungen, Expeditionen usw., kann aber nicht für die öffentliche Trinkwasserversorgung eingesetzt werden.

Eine Möglichkeit der Entfernung von Krankheitserregern durch Filtration im großtechnischen Maßstab bietet das 1828 von dem Engländer James Simpson konstniierte biologisch arbeitende Langsamsandfilter. Die klassische Demonstration der Wirkung von Langsamsandfiltern war die Choleraepidemie in Hamburg 1892. In Hamburg wurde das verseuchte Elbwasser unfiltriert als Trinkwasser abgegeben, und hier mußten 8500 Tote sowie 16.000 Erkrankte beklagt werden. In dem wenige Kilometer elbabwärts liegenden Altona wurde seit 1859 das Elbwasser nach Sedimentation über Langsamsandfilter aufbereitet und die Stadt bis auf einige Kontaktinfektionen von der Epidemie verschont. Ähnlich wie das typische Langsamsandfilter, welches ein biologisch wirkendes Filter ist, wirkt natürlich die künstliche Grundwasseranreicherung bzw. die Uferfiltration, wie sie vom Ruhrgebiet her bekannt ist. Schwierigkeiten bei dieser Aufbereitung in Bezug auf die Keimfreimachung des Wassers kann es infolge von Durchschlagen der Filter durch Rißbildung z. B. durch Frost- und Eisbildung geben. Eine Einschränkung des Einsatzes der Langsamsandfilter ist der hohe Platzbedarf sowie die Notwendigkeit der mechanischen Reinigung der Filteroberfläche, die lohnintensiv ist. Langsamsandfilter werden aber , zumal sie in ihrer Wirkung sehr robust sind, in neuerer Zeit gerne in Entwicklungsländern eingesetzt.

Allgemeines

Leider läßt sich trotz allem das Ziel der Freiheit des Trinkwassers von Krankheitserreger zu jeder Zeit durch Langsamsandfiltration nicht in allen Fällen mit der notwendigen Sicherheit erreichen. Ebenso kann aus chemischen Gründen eine andere Aufbereitungsmethode für ein Wasser erforderlich sein. Es müssen daher bei manchen Rohwässern Desinfektionsmittel zur Desinfektion des Wassers eingesetzt werden. Diese Desinfektionsmittel dürfen wegen ihres Aufgabenzweckes nicht mit den Mitteln verwechselt werden, die bei der chemischen Aufbereitung mancher Rohwässer einem anderen Aufgabenzweck dienen, auch wenn es sich hierbei um die gleiche chemische Substanz handeln kann.

Wenn eine Substanz als Desinfektionsmittel eingesetzt wird, so muß sichergestellt sein, dass sie nicht toxisch ist und das sie für den Zweck der Desinfektion voll zur Verfügung steht, d.h., dass sie nicht im Zuge der Aufbereitung für andere Aufgaben verbraucht wird. Vor dem Einsatz eines Desinfektionsmittels müssen daher die suspendierten Partikel aus dem Wasser entfernt werden, um so zu verhindern, dass diese Bakterien und Viren umhüllen bzw. einen großen Anteil des Desinfektionsmittels, meist sind es Oxidationsmittel, binden. Die Wirkung der Oxidationsmittel ist zudem eine Zeitreaktion, bei der geschwindigkeitsbestimmend die Diffusion in das Zellinnere der Bakterien bzw. Viren ist. Diese notwendige Reaktionszeit muß vor Abgabe an den ersten Verbraucher zur Verfügung stehen. Es hat sich daher in vielen Fällen als günstig erwiesen, das Desinfektionsmittel am Zulauf des Reinwasserbehälters dem Wasser zuzusetzen, um so einerseits eine entsprechende Reaktionszeit zu erhalten, zum anderen aber eine Vermehrung der Bakterien während der Speicherzeit zu verhindern. Die in Deutschland für die Trinkwasserdesinfektion zugelassenen Mittel sind in der Trinkwasser-Aufbereitungs-Verordnung vom 19.12.1959 i.d.F. vom 20.12.77 festgelegt. Nach §7 1 (2) sind folgende Substanzen bei der Aufbereitung u. a. zugelassen:

1. Chlor, Natriumhypochlorit, Kalziumhypochlorit, Chlorkalk, Magnesiumhypochlorit, Chlordioxid, Ammoniak und Ammoniumsalze.

2. Ozon.

3. Silber, Silberchlorid, Natriumsilberchlorid-Komplex und Silbersulfat.

Physikalische Mittel für die Trinkwasserdesinfektion sind in der Lebensmittel-Bestrahlungs-Verordnung von 1959 festgelegt. Praktisch ist es die UV-Strahlung. Die sich zeitweise im Gespräch befindende Gamma-Strahlung ist nur zu Kontroll- und Meßzwecke zugelassen.

Chlor und seine Verbindungen

Das in der Trinkwasseraufbereitung am weitesten verbreitete Desinfektionsmittel ist das Chlor, welches in verschiedenen Formen angewendet werden kann. Das die Chlorung des Wassers ein in bakteriologischer Hinsicht relativ sicheres Verfahren zur Trinkwasserentkeimung ist, hat die Geschichte gelehrt. Schließlich ist es über 75 Jahre her, dass Chlor zum ersten Mal für die Chlorung von Trinkwasser eingesetzt wurde. Meines Wissens war MIDDELKERKE in Belgien die erste Stadt, die 1902 mit der kontinuierlichen Chlorung des Trinkwassers begonnen hat. 1912 wurde in den USA die erste, nach dem indirekten Verfahren arbeitende Chlorgasdosieranlage für die Desinfektion von Trinkwasser in Betrieb genommen.

Die langjährige Erfahrung hat gezeigt, dass bei sachgemäßem Einsatz der Chlorung eine akute Toxizität weitgehend auszuschließen ist. Über chronische Schäden über die gesamte Lebensdauer hin ist wenig bekannt. Denkbar wäre eine sich summierende Giftwirkung über das Leben oder das sie sich auf die Nachkommen auswirken könnte. Daneben muß berücksichtigt werden, dass es durch das Chlor zu Reaktionen mit Wasserinhaltsstoffen kommen kann, durch die eine mögliche Schadwirkung durch relativ harmlose Substanzen initiiert oder beeinflußt werden kann. So konnte Rock zeigen, dass bei der Chlorung von Oberflächenwasser Haloformverbindungen gebildet werden können wie CHCl3, CHCl2Br, CHCIBr2, CHBr3 usw. Als Vorstufe werden u. a. natürliche Huminstoffe angesehen. Bei den H Haloformverbindungen hat man aber Hinweise auf kanzerogene Effekte erhalten. Das Bundesgesundheitsamt hielt in einer Empfehlung als Grenzwert einen Jahresmittelwert von 25 mg/l für vertretbar.

Chlorgas

Chlor kann im Wasserwerk als Chlorgas eingesetzt werden. Bei dem heute meist üblichen indirekten Chlorgasverfahren wird zunächst eine Chlorlösung hergestellt, die dann dem zu behandelnden Wasser zudosiert wird. Bei der Lösung von Chlorgas im Wasser kommt es zu einer Hydrolyse und es bildet sich unterchlorige Säure und Salzsäure (JAKOWKIN 1899).

Die entstandene Salzsäure wird durch die im Wasser enthaltenden Karbonate und Bicarbonate neutralisiert. Die unterchlorige Säure wiederum dissoziert in Abhängigkeit vom pH Wert .

Vakuumchlorgasdosieranlage (Wallace&Tiernan)

Hypochloritlösungen

Neben der Chlorung eines Wassers mit Chlorgas ist die Chlorung mit Hypochloritlösung (Chlorbleichlauge) möglich, besonders dann, wenn verhältnismäßig kleine Wassermengen ohne großen apparativen Aufwand behandelt werden sollen. Hypochloritlösung reagiert alkalisch und enthält 150 -170 g Chlor im Liter. Durch Lichteinwirkung und Lagerung (Wärme) kann der Chloranteil sinken. Auch Verunreinigungen wie Schwermetallspuren können die Zersetzung beschleunigen. Die Zugabe zum Wasser erfolgt durch Dosierpumpen, die automatisch geregelt werden können.

In Bezug auf den Wirkungsmechanismus des Chlors als Desinfektionsmittel sind noch viele Fragen offen. Allgemein wird angenommen, dass das HCIO Molekül hauptsächlich für die Wirksamkeit verantwortlich ist. Die Abtötungsgeschwindigkeit und die bakterizide Wirkung des gechlorten Wassers ist stark vom pH-Wert abhängig (MALLMANN 1932, BUTTERFIELD 1948, POPP 1954, FAIR u. GEYER 1960), denn vom pH-Wert eines Wassers hängt es ab, in welcher Form das Chlor im Wasser vorkommt und damit, wie hoch die bakterizide Wirkung des zugesetzten Chlors ist. Beim pH-Wert unter 5 ist die Reaktion

nach links verschoben, und es verbleibt mit sinkendem pH Wert zunehmend Cl2 im Wasser. Beim pH Wert über 5 steigt, entsprechend der Formel

mit steigendem Ph Wert der Anteil an Hypochloritionen an, bis es bei pH Werten über 10 alleine vorliegt, während der Anteil an unterchloriger Säure sinkt.

Dissoziation der unterchlorigen Säure in Abhängigkeit vom pH Wert

Die Desinfektionswirkung soll bei der unterchlorigen Säure HCIO etwa 80 mal so hoch sein wie beim Hypochlorition CIO- (FAIR u. GEYER 1960). Entsprechend wurden von POPP auch Absterbekurven bei unterschiedlichem pH Wert des Wassers bestimmt. Die Versuche ergaben übereinstimmend, dass der primäre Keimzahlsturz direkt ph-abhängig ist und um so größer wird, je weiter man den pH-Wert zum Sauren hin verschiebt. Die Versuche zeigen also ebenfalls, dass das nicht ionisierte unterchlorige Säuremolekül HCIO die entscheidende bakterizide Wirkung hat. Der günstigste bakterizide Effekt des Chlors dürfte somit bei einem pH-Wert zwischen 6 und 8 liegen. Nach Ansicht von GREEN und STUMPF (1946) wird angenommen, dass die unterchlorige Säure in die Bakterienzelle eindringen kann und dort ein lebenswichtiges Enzymsystem blockiert. Ursprünglich war man der Ansicht, dass die entkeimende Wirkung von HCIO bzw. CIO- als Voraussetzung das Freiwerden von atomarem Sauerstoff (in statu nascendi) habe. Dieser Sauerstoff erst, der unter erheblichem Druck atomar entstehen sollte, müßte deshalb rasch und vollständig oxidierend wirken können. Diese Ansichten konnten aber niemals bestätigt werden. HOLLUTA (1949) wies darauf hin, dass die Reaktion bei Normaltemperatur aufgrund thermochemischer und thermodynamischer Überlegungen unwahrscheinlich ist. Aber nicht nur der pH-Wert hat einen Einfluß auf die Wirkung einer Chlorung, auch eine erhöhte Temperatur eines Wassers trägt zum schnelleren Abbau bei (KURZMANN 1980).

Chloramine

Wenn im zu chlorenden Wasser Ammonium-lonen vorkommen, bilden sich Chloramine (Chlorierungsreaktion), die ebenfalls eine Entkeimungswirksamkeit haben. Die Chlorung führt infolge sukzessiver Substitution der Wasserstoffatome zu den verschiedenen Chloraminen.

 

Darüber hinaus kann auch elementarer Stickstoff entstehen. Ähnliche Reaktionen können auch mit organischen Substanzen (insbesondere Aminoverbindungen) auftreten. In gewissen Fällen wird die Chloraminbildung bewußt durchgeführt. Bei diesem Chlor-Ammoniak-Verfahren wird dem Wasser außer Chlor noch Ammoniak zugesetzt, um so Chloramine zu bilden. Das dabei bevorzugte Verhältnis von CI : NH3 liegt bei 3 : 1. Bei der Festlegung der Zugabe ist der natürliche Gehalt an Ammoniumverbindungen und die Wasserbeschaffenheit zu berücksichtigen. Die angestrebte Bildung von NH2Cl erfordert eine gleichmäßige Verteilung der Ammoniak- wie auch der Chlorzugabe, um eine lokale Abweichung von dem optimalen Verhältnis zu vermeiden. Bei diesem Verfahren soll in bestimmten Fällen eine Geruchs- und Geschmacksbeeinträchtigung des Wassers, z. B. durch Bildung von Chlorphenole, vermieden bzw. verringert werden. Die bakterizide Wirkung soll zwar geringer sein, dafür soll aber länger Chlor nachzuweisen sein. Das Verfahren spielt daher eine gewisse Rolle bei sehr langen Transportleitungen bzw. ausgedehnten Rohrleitungsnetzen, in denen das gebundene Chlor als Langzeit-Desinfektionsmittel eingesetzt wird. Bei einem Gehalt des zu chlorenden Wassers an Ammoniumionen, Aminen oder organischen Stickstoffverbindungen kann es zu einer sog. Knickpunktchlorung kommen, bevor der Nachweis von freiem Chlor im Wasser geführt werden kann. Trägt man in einem Koordinatensystem die Konzentration des im Wasser vorhandenen Gesamtchlors gegen den Chlorzusatz auf, so erhält man bei einem Wasser, welches frei von oxidierbaren Substanzen ist im Idealfall eine Gerade (Kurve A).

Verhalten von Ammoniak-Stickstoff und org. geb. Stickstoff gegenüber Chlor

In Gegenwart von Stickstoffverbindungen ergibt sich aufgrund von Bildung und Disproportionierung verschiedener Chlor-Stickstoffverbindungen bei steigendem Chlorzusatz eine Kurve mit einem Maximum M1, einem Minimum M2 und anschließendem kontinuierlichen Anstieg. Eine Chlorung bei der der Chforzusatz so hoch ist, dass das Minimum M2 der Kurve B überschritten ist, wird als Knickpunktchlorung bezeichnet.

Chlordioxid

Eine Reihe der Nachteile, die mit dem Einsatz von Chlor verbunden sind, weist das Chlordioxid nicht auf. Theoretisch besitzt das Chlordioxid die 25fache Oxidationskraft des Chlors. Chlordioxid ist bei gewöhnlichem Druck und bei normaler Temperatur ein gelbliches oder gelbgrünes bis rotes Gas, das bei 10 °C flüssig wird. Die wässrige Lösung ist nicht haltbar und zersetzt sich, besonders im Licht. Bei erhöhter Temperatur ist das Gas explosiv. Das Oxidationspotential von Chlordioxid, gemessen gegenüber der Normal-Wasserstoff-Elektrode, ist 0,95 V. Ein Nachteil des Verfahrens ist daher, dass das Chlordioxid wegen seiner chemischen Eigenschaften am Verwendungsort hergestellt werden muß. Hiermit hängt es zusammen, dass die Versuche von DIENERT Ende des 19. Jahrhunderts in Paris und Brüssel nicht weitergeführt wurden, denn die Herstellung von Chlordioxid durch Umsetzung von Kaliumchlorat mit Schwefelsäure eignete sich zwar zur laboratoriumsmäßigen Herstellung von Chlordioxid, nicht aber zur laufenden Verwendung im Wasserwerksbetrieb. Erst die Herstellungsweise von CUNNINGHAM und LOSCH durch Reaktion von Chlor mit einer wässrigen Lösung von Chloriten war für den großtechnischen Einsatz brauchbar.

Eine andere Herstellungsmethode geht auf Ingols und Ridenour zurück. Durch Umsetzung von Schwefelsäure mit Natriumchloritlösung kommt es ebenfalls zur Bildung von Chlordioxid.

Als besonders wertvoll hat sich erwiesen, dass Chlordioxid kaum mit Ammonium, Pepton, Glukose usw. reagieren soll, d. h. dass z. B. Ammonium nicht wie beim Chlor durch Bildung von Chloraminen den Desinfektionsprozess stört. Chlordioxid soll auf Grund seiner chemischen Struktur auch keine Trihalogenmethanverbindungen und Chlorsubstitutionsprodukte bilden.

Ein weiterer Vorteil des Chlordioxids soll sein, dass sein Desinfektionsvermögen vom pH-Wert weitgehend unabhängig ist und damit im alkalischen Bereich eingesetzt werden kann. Weiche Trinkwässer reagieren durch die Entsäuerung bekanntlich häufig alkalisch. Die bakterizide Wirkung behält Chlordioxid im Trinkwasser auch über eine längere Zeit, bis sie durch organische Substanzen reduziert wird. Ein Nachteil des Chlordioxidverfahrens ist, dass es unter bestimmten Umständen zu einer Rückbildung von Chlorit infolge von einer Reduktion des Chlordioxids kommen kann. Ferner kann durch Disproportionierung des Chlordioxids u. U. Chlorat entstehen. Durch die lang anhaltende bakterizide Wirkung können in alten Netzen abgelagerte Eisen- und Manganmassen zunächst durch Abtötung der Eisen- und Manganbakterien remobilisiert werden, was zu vorübergehenden Trübungen des Wassers führen kann.

 

Ozon

Ein weiteres Desinfektionsmittel, welches im Trinkwassersektor eingesetzt werden kann, ist Ozon. Es ist ein deutlich blau gefärbtes Gas, welches durch seinen charakteristischen Geruch auch in kleinsten Mengen wahrnehmbar ist. Das Ozon wurde 1840 von SCHONBEIN entdeckt. Den ersten Ozonisator auf der Basis stiller elektrischer Entladung baute SIEMENS 1857. Hierbei wird ein Luft- oder Sauerstoffstrom zwischen zwei Elektroden, die durch ein Dielektrikum voneinander getrennt sind und einer Wechselspannung ausgesetzt sind, hindurchgeleitet. Beim heutigen Stand der Technik werden Ozonkonzentrationen von etwa 50 g/m3 bei Verwendung von Luft und etwa 100 g/m3 bei Verwendung von Sauerstoff erreicht. Es handelt sich um einen endothermen Vorgang, der die Zufuhr einer relativ großen Energiemenge bedingt. Es wird jedoch nur ein geringer Teil der zugeführten Energie für die Ozonbildung genutzt, die überschüssige Energie wird in Form von Wärme frei und muß mittels eines geeigneten Kühlmediums abgeführt werden. Das Gleichgewicht wird durch den Wasserdampfgehalt des dem Erzeuger zugeführten sauerstoffhaltigen Gases beeinflußt, so dass eine Gastrocknung erforderlich ist. Mit einem Normalpotential von + 2,07 V zählt Ozon zu den stärksten bekannten Oxidationsmitteln. Die ersten Versuche zur Wasserdesinfektion mit Ozon stellte 1886 DE MERITENS an. In Deutschland wurden bei den Wasserwerken in Martinikenfeld bei Berlin, Wiesbaden und Paderborn um 1900 die ersten Anlagen in Betrieb genommen. Eine der immer wieder aufgeführten Vorteile des Ozons soll es sein, dass es rückstandslos zu Sauerstoff zerfällt. Die bakterizide Wirkung des Ozons scheint die des Chlors zu übertreffen. Während die Wirkung von Chlor auf Viren erst sicher ist bei Konzentrationen, die über den für Trinkwasser zulässigen Werten liegen, scheint die Wirkung des Ozons bereits bei Zusatzmengen von 0,1 bis 1 mg/l eine recht gute zu sein. Man nimmt an, dass für die Desinfektion ein Ozonüberschuß von 0,3 bis 0,4 mg/l über mindestens 4 Minuten vorhanden sein soll. Die bakterizide und virizide Wirkung soll sich über einen weiten pH-Bereich erstrecken. Da Ozon relativ schwer im Wasser löslich ist sowie dem Gesetz von HENRY DALTON, muss der Kontakt zwischen dem ozonhaltigen Gas und dem Wasser optimal ausgeführt sein. Eine günstige Lösung scheint darin zu bestehen, dass das ozonhaltige Gas in einer oder mehreren Stufen in die gesamte zu desinfizierende Wassermenge eingeblasen wird. Hierfür werden lnjektoren, Kontaktsäulen, Wäscher oder ähnliche Einrichtungen verwendet. Beim Zumischgerät nach OTTO wird das Ozon-Gasgemisch im Zulauf einer Kontaktsäule eingemischt. In der Kontaktsäule, die von unten nach oben durchströmt wird, erfolgt die Reaktion, und schließlich wird in einer Kaskade der Ozonüberschuß entfernt. Beim Wabag-Wäscher wird in einem Wascher das Wasser über Keramikkörper im Gegenstrom zum Ozon-Gasgemisch verrieseit. Der Trailigas-Ozon-Wassermischer besteht in mehreren hintereinander geschaltet, ca. 45 m tiefen Kammern, an deren Boden jeweils ein Teil des Ozon-Gasgemisches durch das Wasser geperlt wird. Ein Nachteil des Ozonverfahrens ist es, dass das Ozon im Wasser relativ schnell zerfällt und damit nur eine geringe Depotwirkung hat. Bei zu niedrigen Konzentrationen ist es ferner zu vermehrtem Bakterienwachstum und stärkerer Veralgung gekommen. Dies dürfte durch die Annahme erklärbar werden, dass große organische Moleküle, die nicht assimilierbar sind, durch das Ozon gespalten werden und die gebildeten Bruchstücke dann teilweise als Nährsubstrat für Bakterien dienen können. Der erwünschte Fall, dass organische Substanz bis zum CO2 oxidiert wird, erfolgt zumindest nicht vollständig. Es ist von VAILLANT daher auch der Vorschlag gemacht worden, das Wasser nach der Ozonung über Langsamsandfilter zu geben, damit vorhandene assimilierbare organische Substanz und Ammonium-lonen biologisch verarbeitet werden. Das Verfahren ist dann aber bereits der Übergang vom Desinfektionsmittel zum Aufbereitungschemikal. So wird Ozon häufig als Oxidationsmittel im Aufbereitungsgang eingesetzt, wo es dann gleichzeitig eine Desinfektionswirkung hat. Es wird bei dieser Einsatzart aber teilweise durch A-Kohlefilter wieder aus dem Wasser entfernt. Für den Rohrnetzschutz erfolgt dann häufig zusätzlich eine Chlorbehandlung des Wassers. Ähnlich liegen die Verhältnisse beim Schwimmbadwasser. Von Ausnahmen abgesehen, wird in Deutschland das Ozon in Bädern für die Wasseraufbereitung eingesetzt. Zur Aufrechterhaltung des bakteriziden Milieus im Schwimmbecken wird dann aber zumeist Chlor, evtl. auch Brom usw. eingesetzt.

Silber

Einen völlig anderen Wirkungsmechanismus bei der Trinkwasserdesinfektion hat das oligodynamisch wirkende Silber. Der Begriff Oligodynamie wurde von dem Schweizer Botaniker Prof. Kad Wilhelm VON NÄGEL[ (1817 1891), der in Freiburg, Zürich und Minden lehrte, geprägt. Erst in neuerer Zeit sind Untersuchungen über die Ursachen der Einwirkung des Silbers auf Mikroorganismen durchgeführt worden, sowie über Möglichkeiten des Wirkungsmechanismusses. Anscheinend wurde die erste leistungsfähige Wassersilberung im KatadynVerfahren durch KRAUSE um 1930 entwickelt. Das Verfahren bestand im wesentlichen darin, dass durch Auftragen von Blähsilber auf Träger eine sehr große metallische Oberfläche geschaffen wurde. Hierüber wurde das Wasser filtriert. Später entwickelte KRAUSE dann das Katadyn-Verfahren durch Einführung der Elektrolyse weiter zum Elektro-Katadyn-Verfahren. Als wesentlicher Nachteil der Silberungsverfahren hat sich herausgestellt, dass eine sehr lange Einwirkzeit sichergestellt sein muß. Nach ALTHAUS wird durch Chloride im Wasser die erforderliche Kontaktzeit weiter verlängert. Die Silberung des Trinkwassers findet man vorwiegend bei kleineren Anlagen, so z. B. zeitweise bei Wasserversorgungsanlagen auf Schiffen, also an Stellen, wo es sich mehr oder weniger um eine Konservierung des Wassers handelt.

Bestrahlung

Neben der Trinkwasserdesinfektion durch Zusatz von chemischen Substanzen ist nach der Verordnung über die Behandlung von Lebensmitteln mit Elektronen-, Gamma- und Röntgenstrahlen oder ultravioletten Strahlen (Lebensmittel-Bestrahlungs-Verordnung) auch eine Desinfektion des Wassers durch UV-Strahlung zugelassen. Unter Ultraviolett-Strahlung wird bekanntlich eine elektromagnetische Wellenstrahlung mit einer Wellenlänge von 200 bis 400 nm verstanden. Die Wirksamkeit der UV-Bestrahlung auf Bakterien soll auf denjenigen Wellenlängen des Lichts beruhen, die von den Nukleinsäuren absorbiert werden. Durch die Strahlen werden die das Genmaterial beinhaltenden Nukleinsäuren verändert, so dass eine Vermehrung nicht mehr stattfinden kann. Für die Desinfektion kommt damit praktisch nur der Bereich von 250 bis 280 nm in Frage. Am verbreiterten sind Quecksilberdampf-Niederdruckstrahler, die ein Maximum bei 254 nm haben. So ideal die Ultraviolett-Entkeimung von Flüssigkeiten im ersten Augenblick erscheint, so ist sie doch mit einer Reihe von Problemen verbunden. Einerseits ist die Wirksamkeit der UV-Entkeimung im wesentlichen abhängig von der Durchlässigkeit des Wassers für die keimschädigende Strahlung, d. h., dass das zu desinfizierende Wasser möglichst klar und in dünner Schicht an dem Brenner vorbeifließen muß. Andererseits wirkt die Bestrahlung nur örtlich und das Wasser ist nicht gegen eine nachträgliche Verunreinigung im Verteilungsnetz gesichert, d. h., dass eine Depotwirkung bei der UV-Strahlung fehlt. Da zur Abtötung von Bakterien eine gewisse Energiemenge notwendig ist, hat man bei Anlagen, wie sie heute in Betrieb sind, entweder versucht, mehrere Lampen um den Wasserstrahl herum anzuordnen und die Strahlung durch parabolförmige Spiegel mö- glichst optimal auszunutzen, oder man hat - gerade in neuerer Zeit - versucht, wesentlich stärkere Strahlen zu entwickeln. Die meistgetroffene Feststellung, dass das Wasser bzw. die Wasserinhaltsstoffe durch die UV-Bestrahlung im Gegensatz zur Dosierung von irgendwelchen Chemikalien nicht verändert wird, ist zumeist in dieser krassen Form nicht richtig. Zumindest ist es nicht ganz erklärlich, wieso die UV-Strahlung auf das lebende Protoplasma eine Wirkung haben soll, während tote organische Substanz nicht beeinflußt wird. Schließlich wird beim Nachweis des organisch gebundenen Kohlenstoffs im Labor heute auch von einer UV-Bestrahlung des Wassers bei der Photooxidation Gebrauch gemacht. die erforderliche Kontaktzeit weiter verlängert.